Lena Katinas Interview im russischen Rolling Stone

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Leninplatz

Rolling Stone trank 4 Flaschen trockenen Rotwein mit Ex-t.A.T.u.-Sängerin Lena Katine, die an ihrem ersten Soloalbum in Amerika schreibt.

Den warmen Tag nichtbeachtend, kommt Lena Katina fröstelnd ins Restaurant "Simple Things" in der Straße Bolshaya Nekitskaya, fragt einen der Angestellten nach einem Schal und bedeckt sich damit direkt im Restaurant. "Es ist kalt hier" beschwert sie sich und sagt, dass sie erst gestern aus L. A. gekommen ist, um ihre Eltern zu sehen. Lena lebt schon seit 3 Jahren in Amerika. Wie bieten ihr etwas Starkes zum Aufwärmen an. Sie lehnt nicht ab und schaut sich ihre bevorzugten Whiskey-Marken an, aber alsbald bringt der Kellner eine Aufmerksamkeit des Hauses vorbei: eine Käseplatte mit Weintrauben und Honig. Als Ergebnis entscheiden wir uns gemeinsam, Wein zu bestellen.

Eugene Levkovich: Eigentlich können wir beides, Wein und Whiskey, nehmen.

Lena Katina: Ich kann alles nehmen, ich bin eine Alkoholikerin. Beachtet nur, dass ich morgen um 10 ein Shooting habe. (sie spricht zum Kellner) Etwas nicht zu Saures oder zu Wässeriges, bitte. Entweder etwas Kalifornisches oder Italienisches. Wir brauchen nichts Französisches.

E L.: Was sagt man in L. A. über Moskau?

L. K.: Ehrlich gesagt, nichts.

E. L.: Nun gut, hast du gehört, was hier los ist? Demonstrationen, Verhaftungen, Kämpfe mit den mobilen Spezialeinheiten.

L. K.: Ein wenig, Politik interessiert mich nicht besonders. Ich habe keine russischen Sender auf meinem Fernseher. Und ich denke, je weniger man weiß, desto besser schläft man.

E. L.: Woher bekommst du die Informationen dann?

L. K.: Meine jüngere Schwester Katja, erleuchtet mich. Sie ist ein sehr schlaues Mädchen, obwohl sie erst 20 Jahre alt ist. Sie wurde an der Moskauer Staatsuniversität angenommen, um Jura zu studieren. Und ihr Musikgeschmack ist auf dem richtigen Weg - Oasis, The Libertins, The Shadow Puppets.

Pavel Greenshpun: Ist sie hübsch?

L. K. Sehr. Meine Mutter hat uns letztens angesehen und analysiert: "Was für wunderbare Töchter ich habe! Eine hübsch, eine schlau!" (lacht)

P. G.: Und in L. A. ist alles ruhig und spießig für dich?

L. K.: Ja. Jeden Tag sitze ich im Studio mit Musikern zusammen. Wir entwerfen, proben, nehmen auf. Außer mit ihnen verkehre ich nicht wirklich mit jemanden sonst, gehe nicht wirklich irgendwohin. Nachts gehe ich in mein hübsches Heim. Es gibt dort keinen Platz zum Abhängen, alles schließt um 2 Uhr morgens, da ist keiner mehr auf der Straße. Amerikaner stehen um 5 Uhr auf und gehen sofort ins Fitness-Studio.

P. G.: Wan können wir hören, was ihr geschrieben habt?

L. K.: Verschlimmert es nicht. Wir verändern dauernd etwas und verbessern es. Das ist ein endloser Prozess. Im Augenblick fehlt noch etwas.

P. G.: Wie lange läuft dein Vertrag?

L. K.: Ich habe keinen Vertrag.

P. G.: Du steckst dein eigenes Geld rein?

L. K.: Nein, Boris'. Er gibt uns soviel wie benötigt wird und drängt uns nicht. Er glaubt einfach an mich.

P. G.: Ist es möglich, t.A.T.u.'s Erfolg zu wiederholen?

L. K.: Ich weiß es nicht. Momentan ist der Remix meiner Single auf Platz 1 in den Billboard Dance Charts.

P. G.: Aber du gibst gerade keine Konzerte?

L. K.: Warum nicht? Ich hatte gerade einen Auftritt in Las Vegas in einem der größten Gay-Clubs der Welt.

P. G.: Vermisst du Russland?

L. K.: Ich vermisse meine Freunde und Familie. Aber aktuell fühle ich mich gut und behaglich in Amerika. Ich versuche, alles leicht zu nehmen, was sonst schnell gehen musste. Der Lebensstandard ist natürlich um das Zehnfache höher. Wenn ich nach Moskau zurückkehre, merke ich den Unterschied schnell. Die Leute in L. A. sind freundlich und ruhig. Man sagt, die Amerikaner neigen zu aufgesetzem Lächeln. Mag sein. Aber ich ziehe unnatürliches Lächeln natürliche Aggression vor. Wenn dich jemand schubst oder dich im Auto abdrängt, dann stellt sich heraus, dass es entweder ein Russe oder ein Armenier ist.

P. G.: So, grundsätzlich planst du nicht, zurückzukommen?

L. K.: Es kommt darauf an, wie die Arbeit vorankommt. Aber mein Freund und ich möchten in Europa leben. Die europäischen Mentalitäten sind uns näher als die amerikanischen.

P. K.: Was für ein Landsmann ist dein Freund?

L. K.: Halb Slowene, halb Serbe. Sein Name ist Sasha. Aber wir haben uns in Amerika getroffen.

P. G.: Ist er genauso alt wie du?

L. K..: Er ist 9 Jahre älter als ich.

P. G.: Was macht ihr zusammen?

L. K.: Er ist Musiker, ein Verrückter. Ein Songschreiber. Er war vorher Sänger in einer Band. Seine Stimme ist erstaunlich, eine richtige Rockerstimme so ähnlich wie die Stimme vom Leadsänger von 30 Seconds To Mars. Wenn ich ihm zuhöre, bekomme ich nicht nur Gänsehaut … ich bin echt ein Fan von ihm.

P. G.: Hat er deine Eltern getroffen?

L. K.: Natürlich. Alles ist ernsthaft.

P. G.: In welcher Sprache unterhaltet ihr euch?

L. K.: Englisch. Ich erwische mich selbst dabei, dass, wenn ich morgens aufwache und zu mir sage, dass ich mir die Zähne putzen muss, das alles in Englisch denke … Wo bleibt der Alkohol? Ich werde langsam müde. Ich habe nur 2 Stunden geschlafen letzte Nacht. (Wir rufen den Kellner und bitten ihn, sich zu beeilen. Fünf Minuten später wird der Wein gebracht).

E. L.: Laut unserer Tradition kommt der erste Toast vom Gast. Aber bitte, sag nichts über den Weltfrieden.

L. K.: Nein, ich habe vorher eine Rede vorbereitet. Meine Freundinnen hier, Anya und Lena, haben kürzlich Töchter zur Welt gebracht. Eina am 14. März, die andere am 4. Mai. Ich möchte auf sie anstoßen. Auf Liebe und Familienglück.

E. L.: Möchtest du selbst Kinder?

L. K.: Sehr, ich liebe sie. Aber ich habe noch Zeit. Ich habe mir selbst ein Ziel gesetzt: mit 30 Jahren.

P. G.: Gut, auf geht's.

DIE ERSTE FLASCHE

E. L.: Du hast erwähnt, dass du in einem Gay Club aufgetreten bist. Weißt du, dass wir jetzt jetzt Menschen bestrafen, die Homosexualität unterstützen?

L. K.: Ja, das ist ein Alptraum. Nur komplette Idioten können solche Gesetze erlassen. Ich fühle mit den Menschen, die nur die selben Rechte, zu lieben wie jeder andere haben wollen, aber jetzt müssen sie heucheln.

E. L.: Die Zeiten haben sich auf schlechte Weise verändert. Vor 10 Jahren waren Yulia und du praktisch die Gesichter der LBGT-Bewegung, aber ihr wart nicht irgendwelchen Aggressionen ausgesetzt.

L. K.: Nein, es kam auch vor. Einmal versuchten wir, zu einer Gay Parade zu gehen, mussten dann aber fast von dort fliehen. Jeder wurde dort geschlagen. Eine verrückte alte Frau schüttete Weihwasser über Yulia.

E. L.: Aber jetzt würdet ihr im besten Fall verboten. Im schlimmsten: man würde euch beim Generalstaatsanwalt anzeigen.

L. K.: Tas ist der Grund, warum viele das Land verlassen und dahin gehen, wo es noch Freiheit gibt. Ich habe Kontakt zu einer Reihe solcher gläubigen Menschen. Das Evangelium ist mein Frühstückstischbuch und "Die Heiligen" von Archimandrit Tikhon. Ihr habt es  noch nicht gelesen? Ich empfehle es sehr. Im Großen und Ganzen weiß ich, wie die Kürche sich gegenüber den Homosexuellen verhält. Sodom und Gomorrah und all diese Dinge. Aber unter all dem gibt es ein Gebot: "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet." Wir haben nicht das Recht, irgendjemanden zu richten, das ist das Vorrecht Gottes. Jeder Mensch trifft seine eigene Wahl, was zu tun ist, mit wem er zusammenlebt, wen er liebt und er ist der Einzige, der darauf antwortet.

P. G.: Gehst du oft zur Kirche?

L. K.: Ich gehe. Nicht für die Leute, aber für Gott. Keiner weiß, wie er auf Dinge reagiert, noch nicht mal die Priester. Die Heilige Schrift wurde auch von Menschen geschrieben. Und es existieren viele Versionen, wie man sie interpretiert. Es gibt solche religiösen Bücher, es ist wahnsinnig! Ich kaufte eines davon in einer Kirche. Ich öffnete es und das erste, was ich sah, war  "Der Tag sollte damit beginnen, dass man zu sich selbst sagt: 'Ich bin niemand'". Nein, danke. Vielleicht habe ich meinen eigenen speziellen Glauben, aber ich weigere mich, zu akzeptieren, dass jemand, der ein anständiges Leben geführt hat, der nichts Böses anderen angetan hat, niemanden umgebracht, aber homosexuall war, dass der in die Hölle geschickt wird, um dort zu verbrennen. Ich glaube nicht daran.

E. L.: Gott hat sich nicht irgendwann von dir abgewandt?

L. K.: Nein. Er hört mich und hilft mir. Er hat mir alles gegeben, worum ich ihn gebeten habe.

P. G.: Lasst uns darauf trinken, dass er alles denen gibt, die in Not sind.

E. L.: Wie man so sagt, einer für alle und alle für einen.

L. K.: Das ist ein gutes Motto (trinkt).

E. L.: Und wie denkst du über das Lügen? Ist es eine Sünde?

L. K.: Sünde oder nicht, es ist immer noch nicht gut.

E. L.: Ich wollte eine Zeit lang wissen: Als ihr die Lesben in t.A.T.u. gespielt habt, perfekt, aber ihr wart keine Lesben. Hat es dich beunruhigt?

L. K.: Warum sollte es?

E. L.: Naja, es war schließlich eine Lüge.

L. K.: Möchtest du Leonardo Di Caprio diese Frage stellen? Warum um alles in der Welt spielte er Arthur Rembo, obwohl er selbst nicht schwul war?

E. L.: Er spielte eine Rolle in einem Film und das war's. Es war ja nicht so, dass er rum lief und jeden Mann küsste, sobald er eine Kamera sah, er ging nicht in Gay Clubs.

L. K.: Ich betrachte das nicht als Lüge, weil Yulias und meine Rollen nicht unseren Ansichten widersprachen. Wir unterstützen aufrichtig die LGBT-Gemeinschaft, wir regten Diskussionen über bestehende Probleme an, die immer noch existieren und das ist großartig.

P. G.: War es Ivans Idee, aus euch Lesben zu machen?

L. K.: Ja, er dachte sich das aus.

P. G.: Wie konntest du dem zustimmen?

L. K.: Einfach

P. G.: Was war mit deinen Eltern? Du warst nur 15 Jahre alt.

L. K.: Es war in Ordnung. Yulias Mutter ist eine moderne loyale Frau. Meine ist es ebenfalls. Sie erzählte mir, wie sie, als sie jung war, ihre beste Freundin küsste, als sie betrunken war. Es gab ein paar Momente, wo sie mich fragte "Lena, entwickelt sich deine Bühnenrolle in eine reale?" Ich beruhigte sie sofort.

P. G.: Was war mit deinem Vater?

L. K.: Er verstand es ebenfalls. Mein Vater heiratete mit 28 eine 16jährige. Wer war er, dass er über mich richten durfte? (lacht).

P. G.: Lasst uns auf die Liebe trinken, die uns in jedem Alter unterwirft.

ZWEITE FLASCHE

L. K.: Mein Vater ist ein sehr kreativer Mensch, ein erstaunlicher Musiker, er spielt alles: die Gitarre, das Keyboard, das Akkordeon.

P. G.: Hat er versucht, für dich zu komponieren?

L. K.: Er hat es versucht, aber unglücklicherweise hören die Leute heute andere Musik.

E. L.: Gott sei Dank

L. K.: Er schreibt wunderbare Texte, aber er hat keine Lust mehr, nach Auftrag zu schreiben, so stieg er ins Musikgeschäft ein. Er ist einer der größten Vinyl-Anbieter in Moskau.

E. L.: Er gründete die Band Dyuna, richtig?

L. K.: Ja. Er schrieb die Musik und die Texte. Ich mag es sehr.

P. G.: Ich auch, wunderbare Band.

E. L.: Ich denke, ich halte mich zurück.

L. K.: (zu Levkovich) Ich verstehe nicht, hast du etwas gegen meinen Vater?

E. L.: Nein. Gegen die Schläger von Dogroprudy, die Dyuna gehört haben.

L. K.: Mein Vater war nie ein Schläger. Vitya Ribin, ja, das kommt der Wahrheit schon näher.

E. L.: Ich frage mich, wie er reagieren würde, wenn er dich ein Mädchen küssen sähe.

L. K.: Er hat es hunderte Male gesehen! Er und ich haben uns letztens getroffen, auf der Ausstellung meiner Großmutter in Dolgoprudy. Meine Großmutter ist eine Künstlerin.

E. L.: Hast du deiner Großmutter nicht erspart, ihr das Video zu "Ya Soshla s uma" zu zeigen?

L. K.: Ich habe es jedem gezeigt und keiner ist davon gestorben. Ich habe sogar veranlasst, es im Büro meines Schulrektors zu zeigen als ich in der 11. Klasse war. Jeder hat verstanden, dass ich nur eine Rolle darin spiele.

E. L.: Aber es gab Tausende junger Leute, die geglaubt haben, ihr wärt echte Lesben, dass ihr miteinander geschlafen habt. Du bist so gottgläubig.

L. K.: Wen interessiert, was sie dachten? Haben wir jemals gesagt, dass wir miteinander geschlafen hätten?

P. G.: War dem nicht so? Einfach nur mal ausprobieren?

L. K.: Nein, nicht ein einziges Mal. Wir haben uns oft geküsst, nicht nur in der Öffentlichkeit. Wenn wir zum Beispiel betrunken waren (lacht).

E. L.: Mit Zunge?

L. K.: Ja.

E. L.: Denkst du nicht, dass du für diese Generation verantwortlich bist?

L. K.: Und für viele gerettete Leben. Weißt du, wie viele Teenager uns geschrieben oder gesagt haben, dass wir sie vom Selbstmord abgehalten hätten?

E. L.: Lass mich von einer anderen Perspektive aus fragen. Stell dir vor, du hast jetzt eine Tochter. Sie schaltet den Fernseher ein und sieht ein Video, wo zwei junge Mädchen herummachen, fängt an, das zu mögen, findet dann ein ähnliches Mädchen in der Schule und verkündet in ein paar Jahren "Mama, ich werde mit Angelica zusammen leben". Wie fühlst du dich? Ich bin sicher, da gab es viele ähnliche Geschichten.

L. K.: Nein, natürlich nicht. Wenn das nicht in einem drin ist, wird die Person nur ein wenig herum spielen und wird irgendwann damit aufhören. Und anders herum: Wenn du ein geborener Homosexueller bist, egal wie oft du es mit dem anderen Geschlecht versucht hast, du kannst nicht vor dem fliehen, was du bist. Was in dir ist, das wird dir helfen.

E. L.: Du hast nicht geantwortet: was wäre, wenn deine Tochter sich selbst als Lesbe bezeichnet?

L. K.: Ich würde sie für das lieben, was sie ist.

E. L.: Und du wärst nicht ein klein wenig besorgt?

L. K.: Woher soll ich das wissen? Vielleicht wäre ich tief in mir besorgt. Wenn es soweit ist, werde ich es dir erzählen … Wo ist der Rest vom Wein? Ich bin nervös. Wo ist der Kellner? Wo habt ihr mich hingebracht? Es wäre besser, wir würden in meiner Küche trinken.

P. G.: Ich schlage einen Toast auf die Notlüge vor.

DRITTE FLASCHE

P. G.: Ich möchte mit dir über das Geschäft reden. Ein solcher Erfolg wie der von t.A.T.u. hatte noch keiner in Russland. Zur selben Zeit hat niemand seinen Erfolg so verschwendet.

L. K.: Das nennt man "Pisse es weg".

P. G.: Wer ist der Schuldige?

L. K.: Ich möchte keien schmutzige Wäsche waschen, also werde ich keine Namen nennen. Ich sage nur, dass wir zu jung und naiv waren, um die richtigen Entscheidungen zu treffen, während erwachsene Menschen uns in die andere Richtung lenkten. Sie führten uns und wir blieben ruhig.

E. L.: In die andere Richtung? Welche würde das sein?

L. K.: Die falsche. Alles fing an mit einer Reise nach Japan. Dieser gewisse Mensch hat einfach seine Bedeutung überschätzt. Und unsere auch. Er wurde verrückt. Ich verstehe es jetzt mit 27, nicht 17.

P. G.: Gibt es keinen Weg, alles zurück zu holen?

L. K.: Es ist zu spät.

P. G.: Sprichst du mit Yulia?

L. K.: Nein.

P. G.: Warum?

L. K.: Es ist einfach so passiert. Sie ruft mich nicht an, ich rufe sie nicht an. Es gibt keinen Streit, keiner ist schuld. Wir wurden uns vielleicht einfach überdrüssig.

P. G.: Wann habt ihr euch zuletzt gesehen?

L. K.: Vor fast 2 Jahren. Und selbst dann haben wir nicht mehr richtig miteinander gesprochen. Weißt du, wir haben uns nur noch gegenseitig zum Geburtstag gratuliert. Wir waren immer sehr verschieden. Zunächst war es reizvoll. Wir waren klein und waren nie voneinander getrennt, nicht einen Tag. Wir hingen entweder bei ihr oder bei mir herum, lebten praktisch wie eine Familie zusammen, nur ohne Sex. Und dann, so unheimlicher das wurde, umso mehr spielten unsere Unterschiede eine negative Rolle. Und wir fingen an, getrennt voneinander rumzuhängen.

E. L.: Ich erinnere mich, als ich auf einer eurer Versammlungen in Podnesbnaya, dem obersten Stockwerk des Peking-Hotels war. Ivan konnte kaum stehen und einige betrunkene Typen erschienen, einer von denen, zog aus keinem Grund eine Gaspistole und fing an, in die Decke zu schießen.

L. K.: Oh Gott, das war furchtbar da. Das war ein Drogenloch, es waren immer irgendwelche Drogen im Umlauf.

E. L.: Hat dich irgendjemand angegriffen?

L. K.: Nein.

E. L.: War es nicht unheimlich?

L. K.: Nicht so sehr unheimlich, obwohl das auch, aber meistens traurig. Das war die Zeit, als wir Ivan verließen. Wir konnten uns das nicht länger ansehen. Ich hatte Mitleid mit diesen Menschen, ich versuchte mit ihnen zu reden, sie zu unterstützen. Ich machte meinen Abschluss am sozialen und humanitären Institut der Psychologie. Das war das Einzige außer Musik, das mich interessierte. Ich hatte einen Traum als Schülerin, Psychologin zu werden und Drogenopfern zu helfen. So wurde dieser Traum fast wahr. Der Direktor von t.A.T.u. nannte mich "Das Bewusstsein". Das war es, was mich antrieb.

P. G.: Hast du irgendwelche Drogen ausprobiert?

L. K.: Einmal habe ich Gras geraucht, als ich sehr betrunken war, nach einer Flasche Cognac. Es war ein Versehen. Ich nahm eine Zigarette aus der Hand von irgendwem und es stellte sich heraus, dass es Gras war. Danach habe ich 4 Stunden die Toilette umarmt. Danach nie mehr. Es gab zwar Verlockungen … aber ich denke, dass Gott mich davor beschützt hat. Ich traf Ivan, als ich gerade 13 war. Er wurde eine Führungsfigur für mich, die jede Idee in meinem Kopf platzieren konnte. Aber Gott sei Dank war Ivan damals ein anderer Mensch.

P. G.: Welcher Art?

L. K.: Viel zurückhaltender. Er hat sich noch nicht selbst als Gott gesehen.

P. G.: Ist es eine Weile her, als du zuletzt mit ihm gesprochen hast?

L. K.: Tatsächlich erst vor Kurzem. Er rief mich auf Skype an und lud mich in sein Studio ein und sagte, er hätte einen sehr guten Song für mich. Aber ich flog am nächsten Tag nach Amerika. Er schickte mir den Song per eMail. Ehrlich gesagt, ich mochte ihn nicht. Er entsprach nicht meiner Stimmung und meinem Stil.  Ich betrachte Ivan immer noch als einen Helden. Er schuf t.A.T.u. und dem ist nichts hinzuzufügen.

P. G.: Was wäre, wenn man dir eine Wiedervereinigung für viel Geld anbieten würde?

L. K.: Das Problem ist nicht das Geld. Momentan haben wir unterschiedliche Ziele. Wir sind beide damit beschäftigt, als Solokünstler herauszukommen, neue Wege zu gehen und es ist für uns beide interessant. Keiner weiß, was in der Zukunft passieren wird. Ich sehe es nicht als unmöglich an, aber definitiv nicht jetzt.

P. G.: Erinnern sich die Leute in Amerika noch an t.A.T.u.?

L. K.: Ja, und das spielt eine große Rolle. Wenn die Leute in den Staaten den Namen Lena Katina hören, sagen sie "Wer ist das?". Aber wenn du sagst "Lena Katina von t.A.T.u.", dann reagieren sie plötzlich mit "Oh! Not Gonna Get Us!" Das ist natürlich ein riesiger Hintergrund, der für uns beide arbeitet.

P. G.: Wenn du durch Moskau gehst, wissen die Leute, wer du bist?

L. K.: Tatsächlich erkennt mich keiner. Sehr selten im alltäglichen Leben. Ich mache mir nicht die Haare oder schminke mich. Sneakers, Jeans, Tank Top, Pferdeschwanz. Du weißt nicht, wer es war. Einmal ging ich in einen teuren Laden und suchte nach einem Kleid. Die Verkäuferin, ein junges Mädchen, kam zu mir und sagte verächtlich "Haben Sie sich die Preise angesehen?" Meine Kinnlade fiel herunter. "Verzeihen Sie, ich glaube, ich kann es mir nicht leisten." Ich drehte mich rum und ging. Nur in Russland gibt es ein solches Verhalten. Sie schauen die Leute an und bewerten sie nach ihren Kleidern … Ups, ich kann die Olive nicht aufnehmen, darf ich mit den Fingern essen? Ich liebe sie, sie sind so lecker. Ich habe letztens einen unglaublichen Fleisch-Mischmasch gemacht!

P. G.: Du kochst?

L. K.: Ja, ich liebe es. Ich bekoche jeden von Zeit zu Zeit. Sie mögen es, besonders die Suppen. Ich mache außerdem leckere Pasta.

E. L.: Lasst uns dann auf die zukünftige Frau von jemanden trinken.

L. K.: Danke, ich bin eine richtige Frau!

VIERTE FLASCHE

E. L.: Möchtest du zu den Teichen gehen? Da gibt's Enten und Restaurants auf dem Wasser …

L. K.: Mit Vergnügen, ich war da schon lange nicht mehr. Aber nicht heute. Ich muss früh aufstehen, da kann ich nicht in schlechter Form sein.

E. L.: Wieviel Schlaf brauchst du?

L. K.: Viel, so um die 8 Stunden. Ich brauche ein Weile, bis ich einschlafe, ich denke dauernd nach.

E. L.: Worüber?

L. K.: Über meinen Tag. Oft über den Tod.

E. L.: Hast du Angst davor?

L. K.: Sehr viel.

E. L.: Würdest du lieber ertrinken oder verbrennen?

L. K.: Es spielt keine Rolle. Ich habe Angst davor, aufzuhören, zu existieren. Ich habe Angst, die, die mir nahe stehen, nie mehr zu sehen. Was werden meine Mutter und meine Schwester tun?

E. L.: Dein Glaube ist dann schwach.

L. K.: Wichtig ist, dass er existiert.

P. G.: Ich möchte auf dich trinken. Weißt du, du bist sehr erwachsen geworden.

E. L.: Ja, in den t.A.T.u.-Zeiten machtest du den Eindruck einer Peson, die an nichts interessiert war.

L. K.: Danke. Ich habe mich nicht verändert. Ich war immer so. Ich bin einfach ein introvertierter Mensch. Deshalb habe ich die einfache Maske für mich erschaffen und lief mit ihr herum, damit die Leute von meiner Seele fern bleiben. In Wirklichkeit war ich an allem interessiert: Psychologie, Religion, Literatur, Filme …

P. G.: Welche Filmarten magst du?

L. K.: Russische. "Simple Things", "The Tuner", "The Diary Of His Wife". Alte, sovjetische, natürlich. Ich mag keine amerikanische Filme. Besonders, wenn sie von Krieg handeln. Das ist pathetisch und unrichtig … Wahrhaftig ist "War", ein russischer Film, wunderbar. Habt ihr ihn gesehen?

P. G.: Genial.

E. L.: Gut, das ist der Grund, warum du die Band Dyuna magst.

L. K.: Sag noch ein schlechtes Wort über meinen Vater und ich hau dir eine runter!